Chancen und Risiken

Krisen erschließen neue Räume

Von Karl-Heinz Möller · 2020

Jede Entscheidung bringt neue Risiken mit sich. Sie öffnen gleichzeitig Türen für Ideen, die sonst nicht zu erkennen sind. So führt das Virus SARS-CoV-2 auf dem Pfad in die Zukunft vorbei an Zeiten alter Planbarkeit und eingefahrener Strukturen in eine neue Normalität. Der Versuchung zu erliegen, Risiken auszublenden, ist erfahrungsgemäß nicht sinnvoll. Mit systematischer Vorgehensweise lassen sich die Gefahren begrenzen, ohne auf die möglichen Chancen zu verzichten.

Zwei Hände greifen nach einander. Thema: Chancen und Risiken
Menschen sollen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen sehen. Foto: iStock / kieferpix

Ohne die Bereitschaft, Risiken einzugehen, gäbe es keine Innovation, kaum Fortschritt und wenig Chancen, die Zukunft aktiv und konstruktiv zu gestalten. In der Angst davor sieht der österreichische Soziologe Helmut Schoek sogar das größte Risiko unserer Zeit. Denn mehr denn je haben Individuen in einer global vernetzten Welt immer schneller und immer häufiger komplexe Entscheidungen zu treffen. Und sie müssen dabei die kleinen und großen Risiken erkennen, analysieren und diese klug lenken und verantworten.

Der Umgang mit dem Phänomen Unsicherheit im ökonomischen Sinne ist nicht alleine ein Thema für Mathematiker oder Finanzakteure, die beispielsweise mit Wahrscheinlichkeiten und deren Bewertung in Form von Preisen versuchen, das Problem quantitativ einzukreisen. Falsche Einschätzungen und Wertungen führen eventuell zu Schäden und schweren Folgen für Unbeteiligte. Empirische Methoden der Risikoeinschätzung lösen dazu nicht die ethische Frage, ob ein steigendes Risiko bei höherer Nutzenerwartung akzeptabel ist oder nicht.

Mit Chancen und Risiken umgehen lernen

Um gute Entscheidungen zu treffen, die nicht maßgeblich von irrationalen Ängsten und Befürchtungen geleitet sind, sollten Menschen zwischen den Begriffen des Risikos und der Ungewissheit unterscheiden, sagt der Risikoforscher und Psychologe Professor Gerd Gigerenzer. Bekannte Risiken könnten wir mit logischem und statistischem Denken erkennen, analysieren, bewerten und steuern. Die Ungewissheit jedoch, also die Tatsache, dass uns einige Risiken immer unbekannt bleiben werden, müssten wir einfach aushalten. Die Risikofreudigkeit hängt damit im Umkehrschluss davon ab, welche Erfahrungen jemand im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Dieses soziale Lernen, bei dem sich Menschen in ihrem Risikoverhalten an Vorbildern in ihrem Umfeld, an kulturellen und sozialen Normen orientieren, erkläre auch, warum Menschen Risiken bisweilen sehr unterschiedlich beurteilen. 

Im Umfeld von Unternehmen ist der geplante Umgang mit entsprechenden Ereignissen Teil des Risikomanagements. Systematisch erfasst werden grundsätzlich alle Arten von Ereignissen, die in einem Unternehmen Planabweichungen auslösen können. Beispiele sind strategische Risiken, Marktrisiken, Ausfallrisiken sowie Compliance-Risiken und Risiken der Herstellung. Für manche Lösungen kommen spezielle Ansätze zum Zuge, wie im Falle von Zins- und Währungsrisiken. Controlling, Treasury oder Qualitätsmanagement übernehmen Teilaufgaben innerhalb dieser Prozesse.

Konzerne wenden sich vom Shareholder-Value-Denken ab

Experten empfehlen, Risikomanagement nicht als reine Pflichtaufgabe zu betrachten, sondern als strategische Funktion, deren Ziel es sein muss, den Blick nicht nur für die Risiken, sondern auch für die Chancen zu öffnen. Risikomanagement wird in der Betriebswirtschaftslehre daher als wesentliche Führungsaufgabe verstanden. Zur Entwicklung einer Risikokultur gehören unter anderem die Einbindung von Kunden, Lieferanten, Steuerberatern, Kreditinstituten und Behörden. Aufgabe des Risikomanagements ist die Sicherung der Existenz des Unternehmens. Der Risikoumfang steht in Relation mit dem Risikodeckungspotenzial. Unter anderem entscheiden die Höhe des Eigenkapitals, schnell verfügbare Liquidität sowie die Ertragskraft über den Fortbestand. Aber nicht nur. Eine stabile und nachhaltige Existenz liegt im Interesse aller Beteiligten. Somit tragen Arbeitnehmer, Kunden, Lieferanten und Stakeholder eine Mitverantwortung und können mit gemeinsamen Anstrengungen Krisen bewältigen.

Per Schleudersitz in die digitale Zukunft

Als Chance kann die Erkenntnis gelten, dass disruptive Veränderungen Möglichkeiten eröffnen und ganze Branchen zu einem schnellen Paradigmenwechsel in der Lage sind. So hat das Tempo der Digitalisierung mit dem Auftauchen von Covid-19 zugelegt. Angefangen bei digitalen Meetings per Video, Studium ohne Präsenz, virtuellen Kongressen und Events, kontaktlosem Bezahlen bis hin zum digitalen Workout. Nach einer Umfrage des Fraunhofer-Institutes für Arbeitswirtschaft und Organisation geben knapp 70 Prozent der Unternehmen an, dass ihre Mitarbeiter in der Corona-Phase komplett oder größtenteils im Homeoffice arbeiten. Experten gehen davon aus, dass künftig flexibler mit dem Arbeitsort und der Arbeitszeit umgegangen werde. Seit dem Lockdown im März haben sich die Verhältnisse weltweit verändert. Neben den Auswirkungen persönlicher, ökonomischer und kultureller Art eröffnet die „Neue Normalität“ Perspektiven. „Corona hat uns gelehrt, dass Pläne gut sind, aber auch ganz schnell Makulatur werden können“, sagt Jens Schreiber, Leiter Kommunikation & Politik bei EnBW. Eine Lektion aus den Kollateralschäden durch die Pandemie dürfte vor allem sein, dass wir umschalten von einem anfälligen und überempfindlich reagierenden auf ein nachhaltiges, resilientes Wirtschaftssystem. Die Idee des permanenten Wachstums und unendlichen Fortschritts muss in Anbetracht globaler Risiken anders bewertet werden. Wachstum als Mantra der Gesellschaft dürfe nicht aufgezwungen werden, wenn dafür die Natur zerstört werde und der Klimawandel Milliarden von Menschen die Lebensgrundlage entziehe, sagt Dennis L. Meadows, US-Ökonom und Wirtschaftswissenschaftler am MIT. Der Forscher warnt die politischen Entscheider und Manager-Eliten davor, weiterhin Wachstum als Droge für den permanenten Erfolg und Gewinn einzunehmen. Mehr und mehr liege das Gewicht auf finanziellen Transaktionen, die kein echtes Wachstum generierten. 

Ein „Weiterso“ ist auch für Claudia Kemfert unvorstellbar. Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) plädiert für eine Ökonomie, die unsere planetaren Grenzen einhält und das Wachstum der Menschen und deren Gesundheit in den Fokus rückt – nicht das des Geldes! Um weiteren globalen Krisen wirksam zu begegnen, müssen wir offensichtlich das heutige Wirtschaftssystem umgestalten, um es immun gegen die Viren der Gier und der schädlichen Verschwendung von Ressourcen auf unserem Planeten zu machen. In einer „Neuen Normalität“ sinken dann mit großer Wahrscheinlichkeit die Risiken, das öffentliche Leben auf dem Planeten Erde mit Epidemien zum Stillstand zu bringen.

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